Nachwuchs und ein alter Hase unter einem Dach – zwei sehenswerte Fotoausstellungen in Frankfurt

Share Button

Im Rahmen der Initiative RAY, die von April bis Oktober 2012 Fotografieprojekte in Frankfurt präsentiert, eröffneten diese Woche zwei Ausstellungen im ehemaligen Haus des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Im Erdgeschoss zeigen Studierende der Hochschule für Gestaltung (hfg), der Städelschule, der Hochschule Darmstadt und der Hochschule RheinMain ihre Arbeiten, in der 1. Etage präsentiert das Fotografie Forum Frankfurt die Schau „In Your Eyes – Portraits in the Presence of Marina Abramović“ mit Aufnahmen von Marco Anelli.

Beginnen wir im 1. Obergeschoss. Der in Mailand und New York lebende Fotograf Marco Anelli fotografierte während Marina Abramovićs Performance „The Artist is Present“ im MoMA New York. Die Performance der 1946 geborenen Künstlerin bestand darin, an allen 75 Tagen ihrer Ausstellung im Jahr 2010 in der Halle des Museums zu sitzen und den Besuchern die Möglichkeit zu geben, sich ihr schweigend gegenüber zu setzen und ihr in die Augen zu schauen.

Insgesamt 1.545 Personen – vor allem ganz gewöhnliche Museumsbesucher, aber auch Prominente wie Björk, Lou Reed oder Sharon Stone – nahmen an der Performance teil, setzten sich Abramović gegenüber und starrten sie an. Viele hielten der Situation nur wenige Minuten stand, andere mehrere Stunden. Marco Anelli stand dabei immer hinter der Performance-Künstlerin und portraitierte die Besucher über die ganze Dauer. Marina Abramović ist auf den Fotos nie zu sehen, sondern immer nur die Gesichter der Teilnehmer. Entstanden sind dabei bemerkenswerte Farbportraits, in denen die Intensität der Situation abzulesen ist. Zu sehen sind Konzentration, Verkniffenheit, Verkrampfung, Leid, Coolness, Anstrengung und immer wieder der Kampf mit den Tränen, der manchmal schon nach 5 Minuten verloren gegangen ist.

Es sind großartige Aufnahmen, von denen die Ausstellung eine große Auswahl zeigt. Zu sehen sind die Werke noch bis zum 26. August 2012 im ehemaligen Haus des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im Großen Hirschgraben 17-21 in Frankfurt.

Parallel dazu wurde am vergangenen Mittwoch auch die Ausstellung „Ein Durchgang“ von Studierenden der oben genannten Hochschulen eröffnet. Die Ausstellung macht Spaß, zeigt sie doch die vielen unterschiedlichen Facetten und Möglichkeiten, die Fotografie so bietet. Von den vielen ausgestellten Werken werden hier nur zwei exemplarisch vorgestellt.

Bemerkenswert sind die Arbeiten von Anna Pekala, Studentin an der hfg, die eine Auswahl von sechs Bildern aus der Serie „Ben-Gurion-Ring“ zeigt. Die Bilder sind entstanden, indem die Fotografin Bewohner der Straße ansprach und fragte, ob sie sie fotografieren darf. Die Inszenierung überließ sie dann vollständig den Portraitierten. Entstanden sind so Familienaufnahmen und Portraits von Einzelpersonen in ihrem eigenen Zuhause, die einem den Menschen oder die Familie sehr nahe bringen. Sie machen sichtbar, wie sich die Portraitierten selbst sehen, wie für sie das perfekte Familienfoto ausschaut oder was für sie der wichtigste oder schönste Ort im eigenen Zuhause ist.

In einem anderen Raum der Ausstellung stößt man auf eine weitere Reihe aus sechs Bildern, dieses Mal von dem hfg-Studenten Florian Albrecht-Schoeck. Die analog aufgenommenen Schwarz-weiß-Bilder der Serie „Endlich wieder Elend II“ zeigen Aufnahmen aus einem Recyclinghof in Frankfurt, in dem Monitore auseinandergebaut werden, von denen ein Teil im Anschluss auf der Südhalbkugel entsorgt wird, ein anderer aufgrund einer EU-Richtlinie verbrannt wird. Die Absurdität solcher Vorgänge treiben diesen jungen Fotografen immer wieder bei seinen Arbeiten an.

„Ein Durchgang“ zeigt eine wahnsinnige Fülle fotografischer Kunstwerke. Der Besuch der Ausstellung sei wirklich jedem ans Herz gelegt. So können neben den genannten Fotoserien auch viele, weitere Bilder entdeckt werden. Darunter „Das Fenster, 24 Stunden“, eine Collage von Jeonghan Yun (hfg), die einem zeigt, wie unterschiedlich die digitale Fotografie die Lichtverhältnisse an einem Tag aufnimmt oder die Arbeit „Antizipation“ von Pascal Davíd Breitenbach (hfg), den wir schon aus dem Projekt stage-photography.com kennen, in der er es schafft, 130 Seiten Text und ebenso viele Fotografien auf einem Raum unterzubringen, der nicht viel größer als eine Telefonzelle ist.

Die Ausstellung läuft bis zum 8. Juli und ist von Dienstag bis Sonntag, jeweils 11:00 bis 18:00 Uhr geöffnet.

 

Foto 1: UC

Foto 2 und 3: Marco Anelli 2010

Share Button